Informationstechnologie (IT) ist heutzutage ein wesentlicher Treiber der digitalen Transformation und somit ein wichtiger Faktor für den Erfolg eines Unternehmens. Durch die Digitalisierung steigt aber auch der Bedarf an neuen, innovativen und umfassenden Softwarelösungen und automatisierten Workflows, welche von Unternehmen pünktlich, budgetgerecht und hochqualitativ bereitgestellt werden müssen. Laut Bitkom Research gab es 2019 124.000 offene IT-Stellen in der deutschen Wirtschaft, was einen Anstieg von 51 % gegenüber dem Vorjahr bedeutet. Fast ein Drittel davon sind Software-EntwicklerInnen. Internationale Studien bezüglich des Fachkräftemangels zeigen ähnliche Ergebnisse.

Was sind Low-Code Entwicklungsplattformen?

Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken und den steigenden Bedarf an IT-Lösungen zu befriedigen, sollte die heutige Software- und Prozessentwicklung einfach und effizient sein. Darüber hinaus sollten auch MitarbeiterInnen mit geringen Programmierkenntnissen dazu befähigt werden, IT-Entwicklungsaufgaben durchzuführen. Diese Personen werden Citizen Developer genannt und sind meist entweder Power-User, EntwicklerInnen oder klassische MitarbeiterInnen in der Fachabteilung. Enterprise-IT-Entwicklungsplattformen unterstützen sie dabei, Geschäftsanwendungen oder Workflows unabhängig von der IT-Abteilung zu entwickeln. Um einen Oberbegriff für diese Plattformen zu etablieren, hat Forrester Research im Jahr 2014 erstmals den Begriff "Low-Code Development Platform" (LCDP) eingeführt. Für sie zeichnen sich LCDPs insbesondere durch die enorme Reduktion des Hand-Codings und die schnellere Bereitstellung von Anwendungen mit Hilfe von visuellen Werkzeugen aus. Ein weiteres Merkmal ist die Möglichkeit, Daten effektiv aufzubereiten, um mehrstufige Workflows zu erstellen. Andere Definitionen sehen eine LCDP als Softwareentwicklungsplattform in der Cloud, die ein Platform-as-a-Service (PaaS)-Modell anbietet. Diese ermöglicht es den Anwendern, Anwendungen mithilfe von deklarativen Sprachen, dynamischen grafischen Benutzeroberflächen und visuellen Diagrammen zu erstellen. In diesem Zusammenhang wird in Studien und von Anbietern häufig der Begriff "No-Code Development Platform" (NCDP) genannt. NCDPs sind jedoch primär als Marketing-Statement und demnach als Teil des LCDP-Marktes zu betrachten.

Als klassisches Beispiel von LCDPs wird häufig WordPress genannt. Heutzutage gehen die Funktionen der LCDPs von Anbietern wie Microsoft, OutSystems oder Mendix allerdings weit über die Funktionalitäten von WordPress hinaus. Mit Hilfe dieser LCDPs können Workflows mit Schnittstellen zu unterschiedlichen Datenbanken und Anwendungen sowie Applikationen für jedwede Anwendungsbereiche in kürzester Zeit erstellt werden.

Sind Low-Code Entwicklungsplattformen die Zukunft der App-Entwicklung?

Die Umsätze der Low-Code Entwicklungstechnologien sind in den letzten Jahren massiv angestiegen (siehe Abbildung 1). Für das Jahr 2024 prognostiziert das Marktforschungsinstitut Gartner Inc., dass drei Viertel aller großen Unternehmen mindestens vier Low-Code-Entwicklungstools einsetzen werden und mehr als 65 % der gesamten Anwendungsentwicklung über Low-Code-Entwicklungsplattformen erfolgen wird. Auch andere Marktstudien sagen für die kommenden Jahre ein deutliches Wachstum voraus: Sie erwarten ein Marktpotenzial von 21,2 Milliarden US-Dollar im Jahr 2022, welches bis 2025 auf 45,5 Milliarden US-Dollar ansteigen soll. Diese Zahlen zeigen sehr deutlich, dass LCDPs in Zukunft immer mehr an Bedeutung gewinnen werden und derzeit erst am Anfang ihrer Entwicklung stehen.

Umsätze von Low Code Entwicklungsplattformen

Abbildung 1: Umsätze Low-Code Entwicklungstechnologien in Mio. US-Dollar

 

Was bremst die Implementierung von Low-Code Entwicklungsplattformen?

Dennoch setzen laut einer Studie von OutSystems nur 41 % aller befragten Unternehmen LCDPs ein. Die Hälfte der Unternehmen ist sich dagegen noch nicht sicher (21 %) oder plant dies noch nicht (29 %). Dabei sind die größten Hindernisse Datensicherheitsbedenken, fehlendes Wissen, mangelndes Vertrauen in die Applikation oder die gelieferten Daten, und unzureichende Governance. Technische und soziale Herausforderungen bremsen in vielen Unternehmen weiterhin die Implementierung und es scheint als wäre die Akzeptanz von LCDPs noch nicht gänzlich vorhanden. Ausgelöst durch die zunehmende praktische Bedeutung haben jedoch auch die wissenschaftlichen Publikationen in diesem Bereich in den letzten Jahren stark zugenommen. Strukturelle und menschliche Aspekte bei der Implementierung und Anwendung von LCDPs sind jedoch bis heute nahezu unerforscht.

Das Forschungsprojekt „Low-Code Development Platforms“

Diese Forschungslücke wollen wir nun schließen: Gemeinsam mit unseren Industriepartnern untersucht unser Mitarbeiter Niculin Prinz im Rahmen seiner Dissertation folgende Forschungsfrage:

Wie kann eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Business und IT während des Implementierungs- und Anwendungsprozesses von LCDPs sichergestellt werden?

Dabei werden sowohl die Herausforderungen als auch die strukturellen (Governance) und menschlichen (Training, Fähigkeiten & Werte) Effekte auf Business & IT bei der Implementierung und Anwendung von LCDPs evaluiert - mit dem Ziel, einen Management-Ansatz für die Unterstützung der Stakeholder zu entwickeln.

Bei Interesse an einer Teilnahme an dem Forschungsprojekt oder an einem informellen Austausch können Sie uns gerne jederzeit ansprechen (niculin.prinz@bitco3.com).

Quellen:

Bitkom Research (2019): Der Arbeitsmarkt für IT-Fachkräfte. Berlin. Online verfügbar unter www.bitkom.org.

Gartner Inc. (2021): Gartner Forecasts Worldwide Low-Code Development Technologies Market to Grow 23% in 2021. Stamford, Conn. Online verfügbar unter https://www.gartner.com/en/newsroom/press-releases/2021-02-15-gartner-forecasts-worldwide-low-code-development-technologies-market-to-grow-23-percent-in-2021.

OutSystems (2019): The State of Application Development. Is IT Ready for Disruption? Online verfügbar unter www.outsystems.com.

Vincent, Paul; Iijima, Kimihiko; Driver, Mark; Wong, Jason; Natis, Yefim (2019): Magic Quadrant for Enterprise Low-Code Application Platforms. Online verfügbar unter www.gartner.com.

Autor: Niculin Prinz