{"id":14359,"date":"2024-10-27T19:47:23","date_gmt":"2024-10-27T18:47:23","guid":{"rendered":"https:\/\/bitco3.com\/?p=14359"},"modified":"2025-04-28T13:47:45","modified_gmt":"2025-04-28T11:47:45","slug":"blogbeitrag20241027","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bitco3.com\/en\/2024\/10\/27\/blogbeitrag20241027\/","title":{"rendered":"Der digitale Dorf\u00e4lteste"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><em>Das Problem ist nicht Technologie, sondern deren Adoption<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Stellen Sie sich vor, es ist eine laue Sommernacht, und Sie sitzen unter dem alten Eichenbaum im Dorfzentrum. Neben Ihnen der Dorf\u00e4lteste, weise l\u00e4chelnd und mit funkelnden Augen erz\u00e4hlt er Geschichten, gibt Ratschl\u00e4ge und hat Antworten auf Fragen, die Sie noch gar nicht gestellt haben. Eine gem\u00fctliche Vorstellung, nicht wahr? Doch in unserer modernen Welt hat der Dorf\u00e4lteste ein Update erhalten: Er ist digital geworden und nennt sich nun K\u00fcnstliche Intelligenz (KI). \u201eHeureka!\u201c, rufen wir. \u201eEndlich eine Technologie, die uns die m\u00fchsamen Denkarbeiten abnimmt, die blitzschnell antwortet und das Leben erleichtert.\u201c Wir nutzen sie eifrig \u2013 in Form von Sprachmodellen etwa \u2013 und werfen ihr Fragen und Aufgaben zu wie Brotkrumen den Enten im Park. Sprachmodelle sind nat\u00fcrlich nur eine von vielen Anwendungen im gro\u00dfen Themenbereich der KI, doch sie zeigen, wie weit wir gekommen sind. Bevor wir uns allerdings von der Begeisterung forttragen lassen, sollten wir innehalten und fragen: Was ist das eigentlich, was wir da t\u00e4glich mit Informationen f\u00fcttern? Was geschieht mit diesen Informationen? Und worauf st\u00fctzen wir letztlich die Entscheidungen, die daraus hervorgehen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Begriff \u201eK\u00fcnstliche Intelligenz\u201c beschreibt ein breites Feld, unter dem sich verschiedenste Modelle, Ans\u00e4tze und L\u00f6sungen verbergen. Sie alle haben ein Ziel: mit maschineller Rechenleistung Aufgaben zu erledigen, die einst nur menschlicher Verstand l\u00f6sen konnte. \u201eJa, ja, das wissen wir doch l\u00e4ngst\u201c, m\u00f6gen Sie nun denken. Aber haben Sie sich schon einmal gefragt, was passiert, wenn wir tats\u00e4chlich dort ankommen, wohin uns die Technik gerade f\u00fchrt? Welche Folgen h\u00e4tte das f\u00fcr Sie und ihr Unternehmen? Aktuell befinden wir uns in der Phase der sogenannten \u201eschwachen KI\u201c. Diese kann einfache Aufgaben in spezialisierter Form sehr gut \u00fcbernehmen, etwa Sprachbefehle verstehen, den Wecker stellen oder das Wetter ansagen. Doch die Einsatzfelder werden immer gr\u00f6\u00dfer. Die Ank\u00fcndigungen der Tech-Dienstleister \u00fcberschlagen sich f\u00f6rmlich mit neuen Updates, dank derer wir noch komplexere Fragen mit der Maschine diskutieren k\u00f6nnen und diese dabei immer weniger Fehler machen. Beeindruckend, gewiss \u2013 aber aus der Sicht unseres Dorf\u00e4ltesten sind das noch keine tiefgr\u00fcndigen Gespr\u00e4che. Eine \u201estarke KI\u201c hingegen k\u00f6nnte da schon mehr. Sie k\u00f6nnte basierend auf der Analyse unseres Ern\u00e4hrungsverhaltens mittels Sensoren in der Smartwatch eigenst\u00e4ndig den Wocheneinkauf organisieren. Sie w\u00fcrde bemerken, dass wir gegen Ende der Woche &#8211; angedeutet durch sichtlich erh\u00f6hten Blutdruck und zunehmend vulg\u00e4rem Sprachstil &#8211; aufgrund von Stress der vorhergegangenen Tage auf Planungsvers\u00e4umnisse bei der Nahrungsbeschaffung zusteuern, welche am kommenden Wochenende zu Versorgungsengp\u00e4ssen f\u00fchren w\u00fcrden. Im Idealfall w\u00fcrde diese starke KI sich sogar kurz vor Ladenschluss bei uns erkundigen, ob sie etwas auf der Einkaufsliste vergessen h\u00e4tte, bevor sie den Zahlungsvorgang einleitet. \u201eDas w\u00e4re zweifellos beeindruckender als die KI, die wir heute kennen, Herr Dorf\u00e4ltester! Schon bald k\u00f6nnten wir die dr\u00e4ngenden Fragen von Unternehmen und Gesellschaft in Rekordzeit l\u00f6sen, was bislang kein Mensch geschafft hat!\u201c Doch der Dorf\u00e4lteste w\u00fcrde wohl eher entgegnen: \u201eAber w\u00e4re das wirklich w\u00fcnschenswert? Was bleibt uns, wenn all die kleinen geistigen M\u00fchen von Maschinen erledigt werden? K\u00f6nnten wir uns auf eine Technologie im Alltag verlassen, die von uns Menschen das Denken \u2013 und auch unsere Eigenart, Fehler zu machen \u2013 gelernt hat? Und w\u00fcrden wir uns dann wirklich den gro\u00dfen, richtungsweisenden Fragen widmen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lassen Sie uns ein kleines Gedankenexperiment wagen: Nehmen wir an, die starke KI ist bereits Teil unseres Alltags. Wie w\u00fcrde sich unsere Arbeitswelt ver\u00e4ndern? W\u00fcrden wir ihr Vertrauen schenken, so wie man fr\u00fcher auf den Rat des Dorf\u00e4ltesten h\u00f6rte? Betrachten wir einmal die heutigen Sprachmodelle als Beispiel. Beeindruckend sind sie allemal \u2013 sie kennen jede Redewendung, schreiben Romane schneller, als wir \u201eLarge Language Model\u201c sagen k\u00f6nnen. Doch wenn Sie schon einmal einen KI-generierten Roman gelesen haben, f\u00e4llt schnell auf, dass hier beim Geschichten erz\u00e4hlen der feine Unterschied zwischen Maschine und unserem weisen Alten unter der Eiche zutage tritt. Der Dorf\u00e4lteste kannte nicht nur die l\u00e4ngst vergangenen Fakten und Geschichten, er verstand auch die Menschen. Der Dorf\u00e4lteste sp\u00fcrte die Zwischent\u00f6ne, las in unausgesprochenen Zweifeln. Wenn jemand sagte: \u201eOh, gro\u00dfartig, noch eine Regenflut vor dem Winter \u2013 genau das habe ich mir gew\u00fcnscht!\u201c, wusste er, dass das nicht ernst gemeint war. Anstatt zur Mutter des Bauernjungen zu sagen: &#8222;Er ist faul und nutzlos.&#8220; sagte er: &#8222;Zeige Ihm den Sinn in seiner Arbeit, damit er sich wohlf\u00fchlt.&#8220; Er fand Worte, die weit \u00fcber das Gesagte hinausreichten, die Kritik in Lob verpacken oder Zweifel bes\u00e4nftigen konnten. Worte sind schlie\u00dflich mehr als Daten f\u00fcr Maschinen; sie tragen im Moment des Aussprechens unz\u00e4hlige zus\u00e4tzliche Informationen, wie Emotionen, kulturelle Anspielungen und pers\u00f6nliche Erfahrungen in sich. Selbst zwischen Menschen sorgt diese Komplexit\u00e4t oft f\u00fcr Missverst\u00e4ndnisse und Kommunikationsprobleme und hier liegt der entscheidende Punkt: W\u00e4hrend wir immer mehr auf die Hilfe durch Technologie setzen, laufen wir Gefahr, den menschlichen Faktor aus den Augen zu verlieren. Wir k\u00f6nnen uns zunehmend auf die KI verlassen, ohne ihre Ergebnisse zu hinterfragen. Wir sollten uns jedoch bewusst sein, dass wir damit entweder ein St\u00fcck unserer Eigenverantwortung und Entscheidungsfreiheit abgeben \u2013 zum Beispiel an diejenigen, die die KI entwickeln \u2013 oder dass sich unsere Art der Verantwortung ver\u00e4ndert, weil wir es sind, die diese Technologie letztendlich mit der Ergebnisfindung beauftragen, anstatt selbst die Entscheidungen zu treffen. Es muss uns auch bewusst sein, dass die digital erzeugten Ergebnisse dieser Technologie durch reale Umst\u00e4nde in dieser Welt geformt wurden und die Informationen als solche teilweise ungefiltert und nicht vorab kuratiert in maschinenlesbarer Form als Daten in den Entscheidungsprozess der KI eingespeist werden. So betrachtet wirkt es sogar reichlich t\u00f6richt, wesentliche Entscheidungen einer Instanz zu \u00fcberlassen, die den Kontext der entscheidenden Informationen gar nicht erfassen kann. Oder anders gefragt, w\u00fcrden sie einem jungen unerfahrenen Erwachsenen weitreichende Entscheidungen in Ihrem Unternehmen, wie z.B. die Personalplanung \u00fcberlassen, wenn er\/sie vorher ungefiltert alle positiven als auch negativen Seiten des Internets als \u201eneutralen\u201c Input bekommen h\u00e4tte? Was w\u00fcrde wohl \u00fcberwiegen, wenn diese Person bei der vorgegebenen Zielerreichung zwischen materieller Effizienz und gesellschaftlicher Fairness entscheiden m\u00fcsste, selbst wenn sie sich der Auswirkungen f\u00fcr oder gegen diese Prinzipien bewusst w\u00e4re? Wir stehen mit diesen Fragestellungen nur am Anfang der Debatte \u00fcber die neuen Herausforderungen durch KI und k\u00fcrzen es hier zeit- und umfangsbedingt etwas ab: Es gibt bei KI nicht nur technische, sondern auch soziale Herausforderungen bei der Handhabung dieser Systeme. Der Dorf\u00e4lteste h\u00e4tte uns vor diesen Herausforderungen gewarnt. Er h\u00e4tte uns vielleicht dran erinnert, \u201ekeiner Statistik zu trauen, die wir nicht selbst gef\u00e4lscht haben\u201c. Doch wie steht es mit \u201eGlaube keiner KI, deren Daten du nicht \u00fcberpr\u00fcft hast\u201c? Er h\u00e4tte nachgehakt, \u201eWer sichert den verantwortungsvollen Umgang mit Technologie in Ihrem Unternehmen?\u201c Technologie kann viele praktische Probleme l\u00f6sen, doch bleibt sie letztlich ein Werkzeug. Ein Hammer mag hilfreich sein, aber wenn wir ihn f\u00fcr alles verwenden, sieht bald jedes Problem aus wie ein Nagel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch n\u00fctzt es ja auch nichts nur pessimistisch und \u00fcbervorsichtig den Herausforderungen neuer Technologien entgegenzutreten! Deswegen hier ein Tipp: Es stellt sich bei jeder Technologie nicht nur die Frage, wie diese technisch angewendet wird \u2013 also konkreter, welche Fachkompetenzen f\u00fcr deren Anwendung vorausgesetzt werden. Es stellen sich mindestens genauso zwei weitere Fragen: Erstens, wie man damit unter welcher Zielstellung innerhalb einer Organisation etabliert (Management der Technologieadoption) und zweitens, wie man die Technologie zu genau diesen Zielen im Unternehmen anwendet (Technologie-Implementierung). Der Erfolg der KI-Adoption ist also von einer zielgerichteten Strategie abh\u00e4ngig und sollte eine Art Gebrauchsanweisung f\u00fcr deren verantwortungsvollen Einsatz besitzen. Neben gro\u00dfen europ\u00e4ischen Zielen zur KI-Regulierung sollte das vor allem auch jedes Unternehmen individuell angehen. Denn jedes Unternehmen verfolgt unterschiedliche Ziele, steht vor individuellen Herausforderungen und wird KI in einem anderen Kontext einsetzen. Die gute Nachricht ist, dass alle Unternehmen bereits eine solche Richtungsweisung in sich tragen. Tagt\u00e4glich werden Entscheidungen getroffen, die den wirtschaftlichen Erfolg nach bew\u00e4hrten Grunds\u00e4tzen sichern sollen. Dazu geh\u00f6ren Visionen und Strategien, die langfristige Ziele verfolgen, und Governance, die die Spielregeln f\u00fcr den operativen Alltag festlegt. Diese Ans\u00e4tze bieten ideale Grundlagen, um auch bei KI die Kontrolle zu behalten, selbst wenn sie in hochkomplexen und potenziell kritischen Situationen eingesetzt wird. Ob es um die Pr\u00fcfung der Kreditw\u00fcrdigkeit, die Bewertung von BewerberInnen, die Planung von Maschineninteraktionen oder die Qualit\u00e4tskontrolle von Lebensmitteln geht \u2013 hinter all diesen Entscheidungen stehen nicht selten Existenzen von Unternehmen oder Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht w\u00fcrden die Dorf\u00e4ltesten von einst den Kopf sch\u00fctteln \u00fcber unsere blinde Begeisterung \u00fcber Technologien, wie KI. Sie w\u00fcrden uns daran erinnern, dass nur weil sie sich wie Menschen verh\u00e4lt, sie noch lange keine Eigenverantwortung \u00fcbernehmen kann. Technologien aus dem Topf der KI m\u00f6gen wie ein digitaler sehr belesener Dorf\u00e4ltester wirken, aber ohne unseren kritischen Geist, ohne Einsatzstrategie und F\u00fchrung bleibt sie ein Werkzeug ohne Richtung. Es liegt in unserer Pflicht gegen\u00fcber unserer Gesellschaft und unserer Umwelt verantwortungsvoll mit unseren Hilfsmitteln umzugehen. F\u00fcr eine gelungene digitale Transformation m\u00fcssen wir mehr tun, als nur alle Aufgaben an die Technik zu delegieren und auf Wohlstand zu hoffen. Wir m\u00fcssen sie bewusst in unseren Unternehmen steuern, behutsam in unseren Lebenskontext einbetten, sie hinterfragen und sicherstellen, dass sie uns nicht nur effizienter macht, sondern ihre Ergebnisse auch wertvoll sind. Oder wie Steve Jobs sagte: \u201eTechnologie ist nichts. Was wichtig ist, ist, dass du Vertrauen in die Menschen hast, dass sie im Grunde gut und klug sind \u2013 und wenn du ihnen Werkzeuge gibst, werden sie wunderbare Dinge damit anstellen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Bitte zitieren als:<\/em>\u00a0BITCO\u00b3 \u2013 Tim Klos (2024). Der digitale Dorf\u00e4lteste: Das Problem ist nicht Technologie, sondern deren Adoption \u2013 27.10.2024.\u00a0<em>Online verf\u00fcgbar unte<\/em>r <a href=\"https:\/\/bitco3.com\/en\/2024\/10\/27\/der-digitale-dorfaelteste-das-problem-ist-nicht-technologie-sondern-deren-adoption\/\">https:\/\/bitco3.com\/2024\/10\/27\/der-digitale-dorfaelteste-das-problem-ist-nicht-technologie-sondern-deren-adoption\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kontaktieren Sie uns bei Fragen: contact@bitco3.com<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Problem ist nicht Technologie, sondern deren Adoption Stellen Sie sich vor, es ist eine laue Sommernacht, und Sie sitzen unter dem alten Eichenbaum im Dorfzentrum. Neben Ihnen der Dorf\u00e4lteste, weise l\u00e4chelnd und mit funkelnden Augen erz\u00e4hlt er Geschichten, gibt Ratschl\u00e4ge und hat Antworten auf Fragen, die Sie noch gar nicht gestellt haben. 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